„Wer gute Geschichten erzählt, gewinnt“

Prof. Dr. Helmut Thoma hat „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nach Deutschland geholt, die „Formel 1“ zu RTL gebracht und RTL zu einem der profitabelsten Privatsender weltweit lanciert. Bis heute gehört Thoma zu den größten Medienmanagern der deutschen Fernsehkultur. Bei Milchkaffee und Mineralwasser sprachen wir mit dem Mann, der Fernsehgeschichte schrieb, über die TV-Welt von damals und heute.

Interview: Leonie Lutz

Zur Person: Helmut Thoma wurde am 3. Mai 1939 in Wien geboren. Während seiner Lehre zum Molkereifachwirt wurde ihm schnell klar: Das kann es nicht gewesen sein. Also drückte er noch mal die Schulbank, absolvierte sein Abitur am Abendgymnasium, studierte Jura und wurde später Leiter der Rechtsabteilung des ORF – mit 29 Jahren der jüngste Jurist Europas. Das Fernsehen hatte es ihm angetan. „Da konnte man noch etwas bewegen“, so der Medienmanager heute. 1973 ging er als Prokurist zur deutschen RTL-Generalvertretung, übernahm alsbald die Geschäftsführung. In den wilden 80ern wurde Thoma Direktor des deutschen RTL-Radio-Programms, später wurde er Direktor von RTLplus. Unter seiner Leitung schnellte der Privatsender an die Spitze der deutschen TV-Stationen. Nach Thomas Ausscheiden bei RTL folgten zahlreiche Beraterverträge, bis heute ist er in den Medien aktiv – ob als Aufsichtsrat oder jetzt wieder mit neuem Sender. „Ich war immer der Jüngste“, erzählte uns Thoma im Gespräch. „Doch die Zeiten ändern sich“, sagte er und lachte. „Heute bin ich 72 und gründe wieder einen Fernsehsender. Adenauer hat es damals auch geschafft! Er war schon 73, als er Bundeskanzler wurde – und das war eine unvergleichlich größere Aufgabe, wofür ihm auch noch die Erfahrung fehlte!“

Herr Prof. Dr. Thoma, vor 20 Jahren haben Sie für RTL „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gekauft – warum?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Ich war auf der Suche nach einem Daily Drama, weil ich der Meinung war, dass dies im deutschen Fernsehen bislang fehlte. Mit der „Lindenstraße“ war damals zwar eine Weekly vertreten, aber eben keine tägliche deutsche Serie. Ich hatte ja auch schon die „Springfield Story“ gekauft und anfangs überlegt, das zu adaptieren – aber die deutschen Produzenten haben alle die Köpfe geschüttelt. Täglich so ein Pensum zu produzieren, schien unmöglich. Das entsprach überhaupt nicht den deutschen Produktionsgewohnheiten. Mir war dennoch klar: Was die Amerikaner können, schaffen wir auch. Und so kam ich ins Gespräch mit Mike Murphy, der in Australien „The Restless Years“ produzierte. Ich habe es mir angesehen, es hat mich überzeugt – und so kaufte ich 80 Folgen.

80 Folgen?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Ja, die musste ich kaufen, damit mit dem Studiobau begonnen werden konnte. Das hatte ich mit Reg Grundy damals in Cannes auf seiner Yacht besprochen. Damit kam Grundy nach Deutschland. Mike Murphy kümmerte sich um die Berliner Studios, UFA unterstützte in allen vertraglichen Fragen. Und dann ging‘s auch schon los …

Nach dem Motto „Kängurus raus, Deutsche Schäferhunde rein“ hat das Huby-Team dann die ersten Folgen des australischen Formats „The Restless Years“ adaptiert – „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war geboren.

Eine große Herausforderung damals …

 Prof. Dr. Helmut Thoma: Sicherlich. Denn Sie müssen wissen, dass der deutsche Sektor überhaupt nicht auf Dailys ausgerichtet war. Es gab zu dieser Zeit ja auch noch nicht die Berufe, die wir heute haben. Wir hatten keine Autoren, die auf diesem Gebiet Spezialisten waren. Also haben wir den damals renommiertesten Filmautor engagiert: Felix Huby. Nach dem Motto „Kängurus raus, Deutsche Schäferhunde rein“ hat das Huby-Team dann die ersten Folgen des australischen Formats „The Restless Years“ adaptiert – „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war geboren.

Anfangs allerdings erfolglos …

Prof. Dr. Helmut Thoma: … und das war eine mittlere Katastrophe. Wir hatten gerade die Zielgruppe 14–49 Jahre installiert, die Game-Show „Der Preis ist heiß“ auf einen Sendeplatz am Vormittag geschoben, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ins Programm genommen – und sind gefloppt. Die Journalisten haben sich wie ausgehungerte Hunde auf diese Sache gestürzt, denn wir hatten ja auch wirklich keine Erfahrung.

Ich wusste, dass wir nur einen langen Atem benötigen.

Was war denn nach den 80 Folgen, die Sie gekauft hatten?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Da waren die Quoten noch immer schrecklich. Aber ich habe gesehen, dass sie bei den jungen Zuschauern langsam anstiegen. Ich habe von Anfang an an „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ geglaubt. Marc Conrad, mein damaliger Programmdirektor, hat mich dabei sehr unterstützt. Die langsam steigenden Zuschauerzahlen gaben mir recht. Heute werden erfolglose Serien nach kurzer Zeit eingestellt, aber da muss man dranbleiben, Zeit geben. Ich habe vieles durchgestanden, und von GZSZ war ich überzeugt. Ich wusste, dass wir nur einen langen Atem benötigen.

Was hat Sie so sicher gemacht, dass „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ein Erfolg wird?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Nun, ich bin nicht musikalisch und ich habe auch keine Talente in Sachen Bildende Kunst oder Malerei. Was ich jedoch besitze, ist ein sehr gutes Gefühl, ob Dinge ankommen oder nicht. Sie glauben gar nicht, wie oft ich im Flieger von Stewardessen zu diesem Format angesprochen wurde. Sie hätten gehört, GZSZ solle eingestellt werden, ob das denn stimmen würde, wollten sie wissen. Ich habe die Damen beruhigt und ihnen gesagt: Nein, das stellen wir nicht ein.

Ihren eigenen Geschmack stellen Sie hinten an?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Mit mir persönlich hat dieses Gefühl wenig zu tun, weil ich mich völlig rausnehmen kann und muss. Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler, das gilt fürmich 100-prozentig. Meine Intuition war und ist mein Erfolg: Nach einem Jahr erlebte GZSZ einen Höhenflug und ist bis heute ein wichtiger Faktor für die Sendergruppe.

1994 kauften Sie dann noch „Unter uns“ für RTL …

Prof. Dr. Helmut Thoma: Ja genau – ursprünglich bot man mir „Verbotene Liebe“ an. Dann zeigte mir Reg Grundy aber das absolute Meisterstück „Neighbours“. Wir nannten es „Unter uns“ – und ich hatte noch eine tägliche Serie aus dem Hause GrundyUFA im Programm. Ständig war ich auf der Suche. Ein guter Freund von mir, der mittlerweile leider verstorbene Chef des Fernsehimperiums Televisa, Emilio Azcárraga, verkaufte Serien in über 50 Länder der Erde. Das Unternehmen ist übrigens bis heute einer der größten Telenovela-Exporteure überhaupt. Im Gespräch mit Azcárraga dachte ich einmal: Warum produzieren wir nicht in den Studios in Mexiko? Wolf Bauer ist daraufhin sogar nach Mexiko geflogen, um sich alles anzusehen. Vor Ort wurde dann klar, dass die Studios dort zwar auf einem hochmodernen Stand sind, die Akteure jedoch über einen Knopf im Ohr die Texte eingesagt bekommen. Heißt: Die sprachen die Dialoge unmittelbar, das sparte Geld und Zeit. Für uns kam diese Art der Produktion jedoch nicht infrage.

Sie haben sich immer im Ausland umgesehen?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Unbedingt! Ich habe mich unentwegt gefragt: Was machen die anderen? Was können wir von ihnen lernen? Es war stetig mein Ziel, auf dem neuesten Stand zu sein

Was vermissen Sie heute im deutschen Fernsehen?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass man es immer noch nicht geschafft hat, TV und Web miteinander zu verschmelzen. Es finden keinerlei Verwebungen statt. Die ganzen Social-Media-Anbieter, Facebook, Twitter und Co – die muss man doch mit dem Programm verweben, aber das geschieht nicht, was mir unerklärlich ist.

Wie sehen Sie denn die Zukunft des Fernsehens?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Früher hat man getrennt: Fernsehen ist Bewegtbild – Bewegtbild, das ins Haus kommt. Und Internet spielt sich am Laptop ab. Nun aber wächst das alles zusammen. Alles wird interaktiv. Aber man darf eines nie vergessen: Es sind Menschen, die vor diesen Geräten sitzen. Und Menschen ändern sich nicht so schnell. Menschen lassen sich nicht durch visuelle Effekte unterhalten, sondern durch Geschichten. Das war schon vor 2.500 Jahren so: Tragödie, Komödie und Sport in der griechischen Antike. All diese Dinge gibt es seit Urzeiten, in immer neuen Verkleidungen, neuen Sprachen, neuer Aufmachung. Das Fernsehen hat bewirkt, dass wir nicht mehr ins Stadion müssen, ins Theater, in die Oper – alles kommt nach Hause. Es ist allgegenwärtig. Wer gute Geschichten erzählt, ob im Fernsehen, im Kino oder am Lagerfeuer – wer gut Geschichten erzählt, wird gewinnen.

Ich brauche etwas, das es noch nicht gibt. Dann bin ich erfolgreich – und das ist die Zukunft.

Es gilt also nach wie vor: „Content is King“?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Content is King! Schauen Sie, heute kann ich alles zu jederzeit runterladen. Alles. Die einzige Chance, die ich als Produktionsfirma und Sender also habe, ist, neu zu produzieren. Ich brauche etwas, das es noch nicht gibt. Dann bin ich erfolgreich – und das ist die Zukunft.

Also löst das Internet nicht irgendwann das Fernsehen ab?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Keineswegs. Alles wächst zusammen und nichts stirbt. Der Hörfunk hat das TV überlebt, er hat jetzt eine andere Aufgabe, ist eine Nische, aber ich sage immer – die Ohren kann man nie schließen. Sie sind aufnahmefähig. Ob wir wollen oder nicht. Und so wird auch das Fernsehen das Internet überleben, denn alles wird zusammenwachsen. Ich kann mir vorstellen, dass es in 20 Jahren heißt: Was bitte schön ist Internet? Denn dann wird es so in das Leben der Menschen integriert sein, dass es als eigenständiges Medium kaum mehr wahrnehmbar sein wird.

Wie wird Fernsehen denn dann aussehen?

Prof. Dr. Helmut Thoma: Jules Verne, als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur, hat schon gesagt: „Alles, was ein Mensch sich vorzustellen vermag, werden andere Menschen verwirklichen können.“ Und deshalb denke ich: Die nächste große Innovation ist holografisches Fernsehen. Dann hat jede Wohnung eine Bühne.