„Serien werden Alltag und gehen in die eigene Identität über“

Dr. Maya Götz ist eine der führenden Medienwissenschaftlerinnen und Medienpädagogin in Deutschland. Ihr Hauptarbeitsfeld ist die Forschung im Bereich „Kinder und Jugendliche und Fernsehen“. Ein Interview  über den Erfolg von Daily Dramas.

Interview: Jasmin Kreulitsch

Dr. Maya Götz leitet das Zentralinstitut für das Jugend und Bildungsfernsehen des Bayerischen Rundfunks. Seit 2006 steht sie zudem dem PRIX JEUNESSE INTERNATIONAL, dem international renommiertesten Festival und Netzwerk für Kinderfernsehen weltweit, vor.

Was ist Ihrer Meinung nach das Geheimrezept für eine erfolgreiche Serie?

Dr. Maya Götz: Ich denke, es gibt nicht nur ein Geheimrezept, sondern viele verschiedene Rezepte, denn es gibt ja auch viele verschiedene Menschen. Eine Serie bietet den Menschen im Alltag etwas, wo sie sich wiederfinden können, was ihnen Perspektiven eröffnet und etwas, was ihnen natürlich auch Spaß macht. Da wir verschiedene Menschen haben, brauchen wir verschiedene Serien und praktisch verschiedene Geheimrezepte.

Warum machen Daily Dramas Ihrer Meinung nach süchtig?

Dr. Maya Götz: Sucht ist psychologisch die falsche Beschreibung. Es ist keine Sucht, denn man hat ja keine Entzugserscheinung. Es ist vielmehr eine große Leidenschaft. Gerade tägliche Serien haben eine ganz wichtige Funktion im Alltag. Sie erhalten die Zuschauer ein gewisses Stück aufrecht, dementsprechend gehören sie zu einem wichtigen Teil der Identität. Gerade Mädchen im Alter von etwa 15 Jahren, die Serien regelmäßig gucken, beschreiben sich oft als süchtig, Erwachsene sind da etwas vorsichtiger. Es ist eine Art Leidenschaft und das Gefühl „Oh, jetzt fehlt mir was“, weil Serien eben im Alltag eingebaut sind, man mit den Figuren wächst. Nach dem Motto „Ich habe ja quasi mit John meine letzten zehn Jahre verbracht!“. Serien werden Alltag und gehen in die eigene Identität ein.

Warum bleiben Daily Dramas von GrundyUFA Ihrer Meinung nach auf Sendung, während  Mitbewerber wie „Marienhof“ ihre Serien einstellen mussten?

Dr. Maya Götz: Das sind immer viele verschiedene Gründe. Das kann mit der ARD-Zuschauerschaft zu tun haben, die älter ist, aber vielleicht war „Marienhof“ auch ein Format, das die jüngeren Zuschauer zu wenig berührt hat. Serien wie „Unter uns“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ haben es besser geschafft, die Leute zu erreichen. Sie sind ästhetisch schneller, viel moderner, aber auch die Geschichten und die Figuren sind dichter dran am Zuschauer. Bei „Marienhof“ gab es mehr Abgrenzfiguren. Nach dem Schema: Da gucken Menschen Mitte 30, Mitte 40 auf die Jugendlichen, die sie selber nicht mögen. Bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Unter uns“ gibt es hingegen viele Anschlussfiguren. Das heißt: Ich gehe mit ihnen mit, ich fühle mit ihnen. Ich kann mich zwar abgrenzen, aber die Figuren sind wertgeschätzt. Selbst ein Gerner wird wertgeschätzt. Das ist wichtig für eine Serie, diese Art der Identifikation: „Es ist okay, wenn ich einen Fehler mache, und die Soap erklärt mir quasi, wie der Fehler zustande kommt.“ Daraus kann man lernen. In einer Studie hat mal ein Mädchen treffend gesagt: „GZSZ zeigt mir, welche Probleme auf mich zukommen werden!“

Ein Mädchen hat zu mir gesagt: ‚Ich wollte den Kinderkanal gucken, aber meine Eltern haben gesagt: Du guckst entweder GZSZ mit uns oder du gehst schlafen!‘

Wie empfinden junge Zuschauer die einzelnen Figuren? Schalten sie ein, weil sie in eine Figur verliebt sind oder geht das tiefer?

Dr. Maya Götz: Wenn wir beim Beispiel John Bachmann bleiben, dann ist er ganz klar ein  parasozialer erotischer Partner. Mädchen verlieben sich, denn er ist erotisch attraktiv, aber sexuell nicht gefährlich. Junge Mädchen erleben über Serien körperliche, erotische Empfindungen, sie reagieren emotional und sind zum Beispiel eifersüchtig, wenn er mit einer anderen rummacht. In ihrer Imagination gehen sie eine Beziehung ein und durchleben sie in allen Formen, sie trennen sich quasi auch. Man darf nicht vergessen: Man kann heute anders als vor 100 Jahren durch Serieninhalte im Kopf quasi durchspielen, was man von einem Partner erwartet. Das sind enorm wichtige Fantasien, die einem helfen, sich selber klarer darüber zu werden, was man will. Ein gutes Beispiel ist das sogenannte Müttergespräch. Junge Mädchen sind in diesem Alter gerne mit ihrer Mutter zusammen, wollen und können aber nicht über alles mit ihr reden. Also sprechen sie über John und das, was er gemacht hat – und meinen den eigenen Freund oder eine andere Beziehungskonstellation. Eigentlich reden die Mädchen da über Werte. Deshalb ist es wichtig, dass Serienautoren sich ihrer Aufgabe bewusst sind und verantwortungsvoll mit Werten umgehen.

Wie genau muss diese Verantwortung aussehen?

Dr. Maya Götz: Gerade bei jugendrelevanten Serien ist es ganz wichtig, dass sich Serienautoren dessen bewusst sind, dass Jugendliche die Geschichten in Serien quasi als Lehrprogramm für ihre soziale Realität ansehen. Sie verwechseln das zwar nicht mit der Realität, denn sie wissen genau, die wird da nur gespielt, aber die Geschichten haben einen hohen Wert für sie und sie sehen und lernen, wie man beispielsweise mit Konflikten umgeht. Daher ist es wichtig, dass das moralische Moment nie vergessen wird.

Sie haben unzählige Studien über Serien und Zuschauerverhalten veröffentlicht. Welche Erkenntnis daraus war für Sie besonders verblüffend?

Dr. Maya Götz: Es gab über all die Jahre viele Erkenntnisse, aber besonders sticht hervor, wenn Kinder erzählen, wie sie zu GZSZ gekommen sind und die Geschichten, die dahinterstehen. Es gab so wunderschöne Fälle wie ein Mädchen, das mir erzählte, wie seine Mutter eines Tages zu ihm sagte: „So, jetzt bist du achteinhalb und gut in der Schule, jetzt darfst du GZSZ gucken!“ Das ist wie eine Art Initiationsritus in die Welt der erwachsenen Frauen. Oder ein anderes Mädchen, das sagte: „Ich wollte den Kinderkanal gucken, aber meine Eltern haben gesagt: Du guckst entweder mit uns GZSZ oder du gehst schlafen!“ Das ist Alltag! Und dann malte dieses Mädchen auf, wie es die Situation zu Hause imWohnzimmer begreift: Mama und Papa liegen auf dem Sofa, Hund und Katze sitzen davor, es gibt Süßigkeiten – und ganz klein vorne ist der Fernseher. Wie gesagt: Das ist tatsächlich Alltag. Und so wachsen junge Menschen in Serien hinein, auch wenn ihnen anfangs viele Handlungsstränge langweilig erscheinen und sie vor allem auf die jungen Schauspieler und deren Geschichten fokussiert sind. Aber dennoch bleiben sie dran.

Wie schätzen Sie die Zukunft von deutschen Serien ein?

Dr. Maya Götz: Die Gesellschaft verändert sich, die Realität, in der sich die Menschen befinden, verändert sich, das ist klar. Aber solange es gelingt, aktuelle Themen aufzugreifen und gute Geschichten zu erzählen, wird es Serien geben. Vor allem dann, wenn es gelingt, einen Nerv zu treffen. Ich nenne da gerne das Beispiel Lisa Plenske. „Verliebt in Berlin“ hat eingeschlagen, weil eine Geschichte so völlig neu erzählt worden ist. Das hat hunderttausenden Frauen aus der Seele gesprochen. Mit solchen Geschichten kann man etwas verändern.

Vielen Dank für das Gespräch.