Die Geburt von GrundyUFA

Die Geburt von GrundyUFA

Mit „The Restless Years“ fing alles an: Die australische Serie wurde 1990 für den niederländischen TV-Markt adaptiert. Knapp zwei Jahre später diente sie als Vorlage für die RTL-Serie „Gute Zeiten,schlechte Zeiten“. Mike Murphy und Wolf Bauer schufen damals die Rahmenbedingungen.

Ein Blick zurück …

Interview: Leonie Lutz / Fotos: RTL, UFA, FremantleMedia

Wolf Bauer und Mike Murphy

Wolf Bauer und Mike Murphy

Mike, Sie haben vor 20 Jahren zusammen mit Wolf Bauer GrundyUFA aus der Taufe gehoben …

Mike Murphy: Nun, wir hatten „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“ an RTL verkauft, und damit benötigte Grundy einen Partner vor Ort, also eine deutsche TVProduktionsfirma. Die UFA war dabei die logischste und beste Wahl. Dann traf ich Wolf Bauer – und wir erkannten beide sehr schnell, dass wir eine gut funktionierende Zusammenarbeit schaffen können. Es blieb dann nur unseren jeweiligen Anwälten, Dr. Manfred Kuhn von UFA und Kerry Wright von Grundy, überlassen, diese Partnerschaft zur Formsache zu machen.

Wolf Bauer: Die Anfänge des Privatfernsehens in Deutschland waren damals ja programmlich von Lizenzeinkäufen aus den USA geprägt. Erst in der zweiten Stufe, ab ungefähr 1990, suchten die Programmchefs nach originären, unverwechselbaren Sendungen, die sich deutlich vom öffentlich-rechtlichen TV-Angebot unterscheiden sollten. Im holländischen Fernsehen, wo das Privatfernsehen viel früher eingeführt worden war, gab es einen sensationellen Erfolg mit dem ersten Daily Drama „Goede Tijden, Slechte Tijden“ nach dem australischen Vorbild „The Restless Years“, produziert von Grundy, dem australischen Produktionsunternehmen von Reg Grundy. Der damalige RTL-Chef Prof. Dr. Helmut Thoma wünschte sich für seinen Sender eine deutsche Variante, bestand allerdings darauf, eine leistungsstarke deutsche Produktionsfirma mit dem australischen Produzenten zusammenzuführen, um über ein tieferes Verständnis der Bedürfnisse des hiesigen Publikums die Erfolgschancen auf dem Markt zu erhöhen. Es gelang mir, Pof. Dr. Helmut Thoma davon zu überzeugen, dass dies in Deutschland niemand besser leisten kann als die UFA. So kam es zu einerUnternehmensgründung zwischen UFA und Grundy und zur Produktion der ersten täglichen Serie mit dem Titel „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Mike Murphy und ich wurden Geschäftsführer dieses ungewöhnlichen deutsch-australischen Joint Ventures und bauten das Unternehmen sozusagen aus dem Nichts heraus auf.

Damit war GrundyUFA geboren, die formellen Rahmenbedingungen geschaffen und mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ das erste Format gedreht. Wie reagierte die Branche?

Wolf Bauer: Die Branche reagierte überhaupt nicht auf die Gründung des Unternehmens, sondern erst auf die Ausstrahlung der ersten Episoden. Die ersten Folgen wurden von der Kritik und der Branche mit reichlich Spott und Häme übergossen. Keiner hatte damals in der Tiefe verstanden, dass es sich hier um eine fulminante Programminnovation handelte, die in der Folge den deutschen TV- Markt auf den Kopf stellen würde.

Mike Murphy: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ hatte es wirklich schwer zu Beginn. Aus vielerlei Gründen dauerte es rund ein Jahr, bis GZSZ erfolgreich war. Es war ja das erste Daily Drama auf dem deutschen Markt. Wir mussten also erst einmal die Zukunft von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sichern. Erst im nächsten Step wollten wir dann mehr Daily Dramas verkaufen …

Wolf Bauer: Dabei ließen wir uns einfach nicht beirren, und auch Helmut Thoma und RTL hielten zum Programm. Als nach und nach die Quotenperformance immer besser wurde, konnten wir unseren Kritikern ihren Irrtum vor Augen führen. Und als bald eine zweite und dritte Daily-Drama-Serie in Produktion ging, nämlich „Unter uns“ und „Verbotene Liebe“, verstummte der Kreis der Ahnungslosen schnell und machte Platz für verdeckten oder offenen Neid.

Zunächst aber mussten Sie sich einigen Schwierigkeiten stellen …

Mike Murphy: In der Tat gab es viele Schwierigkeiten. Die australischen Drehbücher erforderten eine umfangreiche Adaption. Damals hatten wir keine deutschen Autoren mit der Erfahrung, fünf Episoden pro Woche für eine tägliche Serie zu schreiben. Wir mussten erfahrene Autoren aus dem Ausland nach Deutschland bringen, die dann mit den Autoren vor Ort gearbeitet und das deutsche Team geschult haben. Das war ein langwieriger und schwieriger Prozess.

Wolf Bauer: Das Vorbildformat „The Restless Years“ musste ja quasi auf die Mentalität des deutschen Zuschauers übertragen werden und dabei die wichtigsten soziokulturellen Unterschiede berücksichtigen, die es zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten, dort Australien, hier Deutschland, gibt. Die Anforderung an die Autoren war riesig. Wir müssen uns dabei vor Augen führen, dass es bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland lediglich Autoren für Drehbücher in den klassischen TVGenres gab, die dem Urheberbild des „Auteurs“ nacheiferten. Ein Autor sitzt also alleine vor seinem Werk und erarbeitet das Drehbuch selbsttätig – allenfalls in enger Abstimmung mit Produzent und Redaktion. Hier war jedoch Teamwork gefragt und die arbeitsteilige und damit sehr komplexe Drehbuchentwicklung, die das perfekte Zusammenspiel eines Autorenteams von 20, 25 begabten Drehbuchschreibern erfordert. Es waren ja pro Woche fünf Drehbücher in guter Qualität zu liefern. Auch hier gab es einen ungeheuren Ausbildungsbedarf, den wir erst nach und nach decken konnten. Zu Hilfe kam uns in der Anfangszeit, dass uns Felix Huby, einer der erfolgreichsten Autoren des deutschen Fernsehens, der schon Jahre vorher Autorenteamarbeit in Deutschland eingeführt hatte, als Partner im ersten Jahr zur Verfügung stand. Die ersten 230 Drehbücher haben Felix Huby und sein Team in enger Abstimmung mit Mike Murphy und mir so ausgestaltet, dass letztlich der Erfolg von GZSZ gesichert war. Den sogenannten „Writers Room“, den manche für eine Erfindung der letzten Jahre halten, hatten wir damit also schon Anfang der 90er-Jahre etabliert.

Wolf Bauer „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wurde zum Erfolg. Auch, weil der Sender einen langen Atem hatte und an das Format glaubte …

Mike Murphy: Wir hatten extremes Glück, dass Prof. Dr. Helmut Thoma damals Chef von RTL war. Er war und ist ein Visionär, der immer daran glaubte, dass beides – die Serie und das Genre – eine Zukunft auf dem deutschen TV-Markt hat. Deshalb beharrte er auf die Weiterführung von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, ungeachtet der Quoten und der grundsätzlich schlechten Reaktion von der Fernsehindustrie.

Die TV-Welt vor 20 Jahren tickte noch anders …

Mike Murphy: Ja. Heute ist die TV-Landschaft sowohl vielschichtiger als auch mehr im  Konkurrenzkampf, und daher ringen die meisten Sender um direkten, sofort sichtbaren Erfolg. Aber das ist bei Daily Dramas nicht möglich. Die Geschichten brauchen eine gewisse Zeit, um ein Publikum zu erreichen.

Wo sehen Sie den TV-Markt heutzutage?

Wolf Bauer: Wir befinden uns wieder mitten in Zeiten eines Umbruchs, diesmal ausgelöst durch die „digitale Evolution“, wie ich es nenne. Wir haben zwar weiterhin eine zunehmende Fernsehnutzungsdauer, auch bei den jungen Zuschauern, aber deren „Entertainment“-Nutzungsverhalten verändert sich über die Zeit doch dramatisch. Dem müssen wir Rechnung tragen und tun dies ja auch bereits etwa mit den Online-Verlängerungen unserer Serien und mit Programmangeboten, die wir originär für digitale Plattformen kreieren. Denken Sie an Soaps wie die „PIETSHOW“, die wir für StudiVZ kreiert haben oder die Multimediakonzepte wie „Wer rettet Dina Foxx?“ in Zusammenarbeit mit dem ZDF.

Herr Bauer, hätten Sie vor 20 Jahren erwartet, dass Daily Dramas je einen so hohen Stellenwert erreichen?

Wolf Bauer: Spätestens seit GZSZ zum Kultprogramm für eine nachwachsende Generation wurde, war ich mir über die Wirkungsmacht unserer Arbeit völlig im Klaren. Ich habe damals erkannt, dass daraus eine große Verantwortung für uns Programmmacher erwächst. Figuren, Charaktere, Verhaltensmuster und Storyabläufe müssen immer im Wissen daraus ausgestaltet werden, dass wir dem Einfluss, den unsere Serien auf die Sozialisation von Heranwachsenden haben, auch gerecht werden. Es gab deshalb schon früh ungeschriebene, aber auch ausgesprochene Richtlinien des Erzählens – eine Art „Social Responsibility Codex“. Auch in der Zukunft der digitalen Welt wird es immer wichtiger werden, dass unsere Programmarbeit das Vertrauen verdient, das ihr  entgegengebracht wird.

Welchem Daily Drama aus dem Hause GrundyUFA fühlen Sie sich sehr verbunden, Mister Murphy?

Mike Murphy: Ich habe eine starke Verbindung zu all unseren Daily Dramas, speziell zu „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Unter uns“ und „Verbotene Liebe“ …

Herr Bauer, schauen Sie noch Daily Dramas?

Wolf Bauer: Nicht mehr täglich, aber regelmäßig am Wochenende, wenn ich mir einen ganzen Block einer unserer Daily-Drama-Produktionen anschaue. Ich bin fasziniert von der Entwicklung dieses Genres und bin sehr interessiert, was die hochbegabten Teamkollegen der verschiedenen Produktionen heute zu erzählen haben. Ich gebe natürlich auch entsprechendes Feedback, wenn mir auffällt, dass sich eine Fehlentwicklung bei einem unserer Programme anbahnt.

Der Blick zurück auf die letzten 20 Jahre – was macht Sie besonders stolz?

Mike Murphy: Es macht mich stolz, dass ich ein Teil der Einführung einer neuen Form des Fernsehdramas auf dem deutschen Markt war. Das hat die TV-Landschaft in diesem Land maßgeblich verändert.

Wolf Bauer: Wir haben mit der Einführung des Daily Dramas und später mit der Telenovela zwei echte Programminnovationen und damit Trends geschaffen, die in Deutschland Furore gemacht haben. Natürlich haben wir die Chance als „Firstmover“ auch genutzt und unser Unternehmen zu einem überall geachteten Erfolg zu führen.

Wo sehen Sie GrundyUFA in zehn Jahren?

Wolf Bauer: GrundyUFA wird in zehn Jahren europäischer Marktführer in der Kreation und Herstellung täglicher Serien sein, und zwar auf allen dann vorhandenen Plattformen wie beispielsweise TV, Online, Mobile usw.

Zu guter Letzt, erinnern Sie sich an eine Anekdote aus vergangenen Zeiten, Herr Bauer?

Wolf Bauer: Ich erinnere mich sehr gerne an die Zeit mit Mike Murphy, mit dem mich recht schnell eine tiefe Freundschaft verband. Er, der stolze, erfahrene und erfolgsverwöhnte Produzent vieler Daily- und Weekly-Drama-Produktionen, begegnete in der Zusammenarbeit mit unseren Senderpartnern zum ersten Mal dem deutschen Redaktionssystem und war völlig außer sich, dass ein deutscher Produzent eine derart enge Abstimmung mit den Redaktionen bei der Ausgestaltung der Drehbücher und des gesamten Projekts bewerkstelligen musste. Für Mike Murphy war das deshalb so ungewohnt, weil in anderen Ländern, in denen er tätig gewesen war, nach Bestellung der Produktion auf der Basis eines bewährten Formats nur eine sehr grobe Abstimmung am Anfang erforderlich war. Nach Vertragsschluss wurde vom Produzenten produziert, die Episoden geliefert und vom Sender abgenommen. In einem der ersten ausführlichen Gesprächen mit einem Programmdirektor, den ich an dieser Stelle nicht nennen möchte, sagte Mike Murphy, als es um die Mitwirkung der Redaktion ging, den legendären Satz: „Please, no help.“

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Mike Murphy adaptierte 1991 das australische Format „The Restless Years“ für RTL – „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war geboren. Der ehemalige Head of Drama bei FremantleMedia arbeitet heute als Berater für die seit 1985 laufende Serie „Neighbours“ in Australien. Bis heute ist er GrundyUFA freundschaftlich verbunden.