Aufnahmeleiter über Nacht

Aufnahmeleiter über Nacht

Der Selbstversuch: Eine Autorin probiert die Arbeit hinter der Kamera beim Nachtdreh von GZSZ aus.

Text: Jasmin Kreulitsch // Fotos: Rolf Baumgartner

Setaufnahmeleiter Dix Frohberg erklärt Autorin Jasmin Kreulitsch, was sie beim Nachtdreh erwartet

Setaufnahmeleiter Dix Frohberg erklärt Autorin Jasmin Kreulitsch, was sie beim Nachtdreh erwartet

Wissen Sie: Mein Talent für Fernsehen verhält sich analog zu meinem Talent für Sport. Passiv bin ich großartig darin und weiß alles besser – beim einen („Steh wieder auf, du Flasche, eine Schwalbe macht noch keinen Italiener!“) wie beim anderen („Himmel, jetzt popp doch nicht mit dem – der ist dein Bruuuuder!“), doch wenn ich mich in beiderlei Branchen aktiv betätigen soll, gehen mir Puste, Talent und Humor aus. Ich bin Autorin, sitze permanent vor dem Computer und schreibe – doch ich mache noch etwas anderes: Ich probiere Dinge aus! Heißt: Ich mache immer wieder Selbstversuche und schreibe darüber. Ich war Pilgerin und bin 150 Kilometer des Jakobsweges gegangen, ich habe eine Woche lang mit einem Profitänzer das Pensum von „Let’s Dance“ nachempfunden und 24 Stunden getanzt, ich habe als passionierter Fleischesser vier Wochen lang vegan gelebt – und jetzt versuche ich mich eine Nacht lang bei einem Außendreh von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ als Aufnahmeleiterin auf Probe. Vor allem: Es ist nicht irgendein Nachtdreh, es ist der spektakulärste Nachtdreh, den es dieses Jahr bei GZSZ gibt: Verena Koch wird sterben – ein Abschied, der sowohl den Fans, als auch dem Team nahe geht. Und wetten, auch mir!

Instruktionen vom 1. Aufnahmeleiter Martin "Elvis" Schlemminger

Instruktionen vom 1. Aufnahmeleiter Martin „Elvis“ Schlemminger

Es ist Freitag, ein klassischer Arbeitstag, an dem ich mal wieder mehrere Auftraggeber parallel beliefere, daher fällt die Idee, vor dem Nachtdreh ein Discoschläfchen zu machen, flach. Es reicht nur für 30 Minuten Power-Napping, und dann muss ich schon los nach Babelsberg. Laut Dispo fahren wir um 20.30 Uhr zum Außenset, irgendwo in der Pampa von Teltow-Fläming, einer Gegend, wo sogar Fuchs und Hase grußlos aneinander vorbeigehen. Doch so ausgestorben es hier wirken wird, wenn erst mal die Kameras an sind – gegen 21.30 Uhr wuselt das Team ganz schön herum. „Wir sind 30 Leute im Außendreh-Team, immer dieselben“, erklärt mir Setaufnahmeleiter Dix Frohberg. Es ist schon alles aufgebaut, jetzt geht es nur noch darum, dass es dunkel wird. „Und dann muss es sofort losgehen – wir haben ein enges Pensum bis zum Sonnenaufgang“, erfahre ich vom 1. Aufnahmeleiter Martin Schlemminger. Doch es ist noch hell und ich habe zu viel Zeit, darüber nachzudenken, was mich erwartet. „Steh niemals vor einer Kamera, stell dich auf kein Kabel, friss keine Deko“, wurde ich von Thea Wulff, der Leiterin der Unternehmenskommunikation, eingewiesen. Und jetzt habe ich Angst, genau das zu tun!

Steh niemals vor einer Kamera, stell dich auf kein Kabel, friss keine Deko!

Es beginnt zu dämmern, also setze ich mein Headset auf. „Kennst du den?“, höre ich eine knisternde Stimme. „Treffen sich zwei Blondinen …“ Ich sehe mich panisch um. Ging das gegen mich? Okay, jetzt cool bleiben, ich bin neu im Team, vielleicht ist es ja Usus, dass sich die Mitarbeiter versaute Witze erzählen, gleich erfahre ich auch sicher die Antwort, nur … Es wird hektisch, denn jetzt stimmt das Licht und es geht los. Zuerst drehen wir einzelne Fahrten von Verena und ich höre erstmals das berühmte „Und bitte, wir drehen!“ von Regieassistentin Christine Melzer. Okay, jetzt weiß selbst ich, dass ich die Klappe halten soll. Doch dann verstehe ich nur noch Bahnhof. „1-18-8 die Eins!“ – ja bin ich hier im Supermarkt und was soll das bedeuten? Und wieder drehen wir einzelne Fahrten – sowohl von Susan als auch von Jörn. Es dauert lange, alles wird akribisch in Szene gesetzt und mit Liebe zum Detail gedreht. Doch es kribbelt in meinen Fingern. Wann passiert denn jetzt das große Drama?

Probeaufnahmeleiterin Jasmin mit Producerin Marie Hölker und Regisseur Klaus Witting

Probeaufnahmeleiterin Jasmin mit Producerin Marie Hölker und Regisseur Klaus Witting

Ich bin neugierig und aufgeregt in einem und brauche jetzt dringend ein bisschen Action. Denn es ist kalt, es ist feucht, und ja: Selbst im Nirgendwo von Teltow-Fläming machen Mücken das, was sie am besten können: stechen! Langsam geht es auf Mitternacht zu – und ich merke: Alter Finne, das strengt an! Obwohl: Alle außer mir wirken unglaublich fit, konzentriert und motiviert. Jede einzelne Szene wird liebevoll gefilmt, keiner scheint die nächtliche Anstrengung zu bemerken. Vor allem: Das Team funktioniert beinahe ohne Worte, es ist eine eingespielte Mannschaft, die perfekt miteinander agiert.

Zwei Uhr morgens. Ich habe Rücken, Kreislauf und Füße!

Es wird eins, jetzt kommt endlich der spektakuläre Höhepunkt: Verena wird von Philip überfahren! Für den Dreh wurden extra vier Autos organisiert: zwei funktionierende und zwei kaputte, sodass letztere ineinander rasen können. Es gibt nur einen Versuch, alle sind hoch konzentriert und dann PENG! – die Autos sind Schrott und die Szene im Kasten. Langsam spüre ich die lange Nacht. Es ist zwei Uhr morgens. Ich habe Rücken, Kreislauf und Füße! Himmel, Arsch und Zwirn, warum tut mir auf einmal alles weh und warum schwächle ich, wenn die anderen so fit aussehen? Immerhin gibt es Catering, und gerade, als eine Dame sich mit einem Tablett voller Brötchen nähert und mir eines anbietet, schießt mir durchs Hirn: „Friss keine Deko!“ Okay, vielleicht ist es dämlich, davon auszugehen, dass bei einer Sterbeszene Brötchen mit Nürnberger- Würstchen benötigt werden, aber sicher ist sicher, oder? Also lehne ich ab, und bevor ich weiter darüber nachdenken kann, wird es ernst: Wir drehen die Sterbeszene von Verena. Susan, die hochschwanger auf dem kalten Asphalt liegen muss, hat nicht nur dafür meinen Respekt: Die folgende Szene, in der Philip sie wiederbelebt, ist wohl eine der schwierigsten ihrer Schauspielkarriere. Als ich alles auf dem Monitor mitverfolge, bin ich so gebannt, dass ich gar nicht merke, wie mir die Tränen über die Wangen laufen. Warum hat mir niemand gesagt, wie intensiv sich das anfühlt? Die Müdigkeit ist plötzlich irrelevant, ich hänge nur mehr gebannt am Monitor – voller Respekt für das, was das Team hier vollbringt: eine tragische Geschichte zu erzählen, die mir schon jetzt, ohne Schnitt, Musik oder Postproduktion unter die Haut geht. Wie wird das bitte erst bei der Ausstrahlung? Um vier Uhr morgens haben wir es geschafft. Irgendwo am Arsch der Welt in Teltow-Fläming geht langsam die Sonne auf. Ich bin so erschöpft, als hätte ich tagelang durchgearbeitet – dabei war es bloß eine Nacht. Eine lange Nacht, die für das AD-Team von GZSZ völlig normal ist. Übrigens: Als ich besagte Szenen Wochen später im Fernsehen sehe, heule ich erneut. Ich glaube, es gibt keinen besseren Beweis dafür, dass man eine Geschichte richtig erzählt hat.